Was war geschehen?
In seiner Besorgnis, durch die Samsonov-Armee abgeschnitten zu werden, hatte der Oberbefehlshaber der 8. Armee in Ostpreußen, General von Prittwitz, (er war einst Divisionskommandeur im IV.Armeekorps unter Hindenburg gewesen, mit ihm sogar entfernt verwandt) am Abend des 20. August mit dem Hauptquartier telefonisch gesprochen und den Generalstabschef Moltke (der Jüngere) von seiner Absicht verständigt, einen sofortigen Rückzug hinter die Weichsel anzuordnen und damit ganz Ostpreußen den Russen zu überlassen. Nachdem er dieses Gespräch beendet hatte, ließ sich von Prittwitz von seinem Stabsoffizieren wieder etwas aufrichten und es kam zunächst nur zu einem teilweisen Rückzugsbefehl.
Das freilich wusste man bei der Obersten Heeresleitung (OHL) in Koblenz nicht, als dort die Mitteilungen des Generals dem Kaiser vorgetragen wurden. Im Hauptquartier hatte man aus dem Telefongespräch den Eindruck gewonnen, dass Prittwitz die Nerven verloren habe und seiner Aufgabe nicht mehr gewachsen sei. Während Moltke zunächst nur eine allgemeine Gegenweisung nach Marienburg geben wollte, verständigte man sich auf einen sofortigen Kommandowechsel mit dem Auftrag an das neue Oberkommando, die Samsonow-Armee zum Kampf zu stellen.
Nach dieser Entscheidung herrschte bald Klarheit darüber, wer der Stabschef des neuen Oberkommandos werden sollte. Es musste ein ebenso begabter Generalstäbler wie entschlossener Offizier sein. Der "Held von Lüttich", General Erich Ludendorff, erfüllte beide Voraussetzungen.
Bereits am 21. August wurden die Veränderungen in die Wege geleitet. Generalquartiermeister von Stein sandte einen Brief per Bote an Ludendorff, der diesen am 22. früh im Hauptquartier der 2. Armee erreichte. Der Generalmajor ließ sich gleich mit dem Kraftwagen des Boten nach Koblenz fahren; dort traf er gegen Abend ein und wurde über die Lage in Ostpreußen unterrichtet.
Die große offene Frage war: Wer sollte anstelle von Prittwitz den Oberfehl über die 8. Armee übernehmen? Es war eine ruhige überlegene Persönlichkeit nötig. Stein erinnerte sich der Zeilen Hindenburgs und schlug ihn vor. Der Kaiser stimmte zu, und das erste Telegramm konnte abgehen, denn zunächst musste man wissen, ob der alte General auch wirklich sofort greifbar sein würde. Die Ereignisse drängten. Die Umschaltung von "Rückzug" auf "Schlacht" musste sofort erfolgen, wenn in Ostpreußen nicht völlige Verwirrung eintreten sollte.
Abschied
Unterdessen wurden in Hannover die Fähigkeiten auch einer Kummer gewohnten preußischen Offiziersgattin überfordert. Zwischen 8 Uhr abends und 3 Uhr morgens ließ sich ein kommandierender General nicht "feldmarschmäßig" ausrüsten. Zwei Uniformröcke hingen zwar im Schrank, aber es waren blaue Friedensuniformen, nicht die grauen, die seit Kriegsausbruch getragen wurden. Und nur eine schwarze Hose war verfügbar. Seit langem waren die Stücke nicht mehr getragen und Hindenburg war im bequemen Ruhestand etwas rundlicher geworden. Immerhin, das unmöglich erscheinende wurde möglich gemacht.
Eine einsame Droschke rollte in ganz früher Morgenstunde des 23.August 1914 durch die menschenleeren Straßen Hannovers zum Hauptbahnhof. Nur von seiner Frau begleitet wartet der 67-jährige General auf dem dunklen Bahnsteig auf das Eintreffen des angekündigten Sonderzuges, mit dem General Ludendorff nach nur dreistündigem Aufenthalt im Hauptquartier um 21:00 Uhr abends in Koblenz abgefahren war.
Hindenburg und Seine Frau stehen noch nicht lange auf dem Bahnsteig, als eine qualmende D-Zug-Lokomotive in die große Halle dampft, nur zwei Wagen sind angehängt. Der Sonderzug hält. Die Tür öffnet sich, eine drahtige Offiziersgestalt steigt mit frischem Schritt heraus. General Ludendorff, den ihm vor wenigen Stunden vom Kaiser persönlich übergebene "Pour le Merite" am Hals, meldet sich bei seinem neuen Vorgesetzten: "Generalmajor Ludendorff, als Chef des Stabes zu Eurer Excellenz befohlen."
Knappe Verbeugung zu Frau von Hindenburg, kurzer Abschied. Der Sonderzug rollt wieder hinaus in die Nacht, nimmt Fahrt auf, dem Osten zu, an Berlin vorbei. Am frühen Nachmittag wird er am Ziel sein.
General Ludendorff trägt vor, was sich in den letzten Tagen ereignet hat. Hindenburg weiß nicht mehr, als in den Zeitungen über die Kämpfe in Ostpreußen gestanden hat. Aber es ist ihm schon seit dem Telegramm vom letzten Abend klar gewesen, dass eine furchtbare Verantwortung vor ihm liegt. Wenn der Kampf scheitert, den er führen soll, wird es fast keinen deutschen Soldaten zwischen den vordringenden Russen und dem Herzen Deutschlands geben, denn alle anderen Kräfte kämpfen im Westen! Ludendorff berichtet von den ersten Gegenbefehlen, die noch von Koblenz aus an das Armee-Oberkommando erteilt worden sind. Während draußen die Landschaft vorüberrast und die erste Morgendämmerung im Osten heraufzieht, falten die beiden schließlich die Karten zusammen und ziehen sich zum Schlaf zurück.
Ankunft
Gegen drei Uhr nachmittags rollt die Lokomotive mit den beiden D-Zugwagen über die Nogatbrücke bei Marienburg. Hindenburg und Ludendorff stehen am Fenster und blicken hinüber auf die großartige Silhouette der alten
Ordensburg
von der aus einst der Deutsche Ritterorden das ganze Baltikum regiert hat. In furchtbarem Widerspruch zu dieser historischen Erinnerung steht das Bild, das unmittelbar vor Augen liegt: Die Straßenbrücke über die Nogat ist dicht gedrängt von Bauernwagen, Tausende von Flüchtlingen stauen sich hier, sie hoffen den feindlichen Heeren entrinnen zu können. Wenn der deutsche Soldat drüben nicht hielte, würden sie verloren sein.
Kommandoübernahme
Am selben Tag übernahm General der Infanterie Paul von Hindenburg das Kommando über die 8. Armee mit General Ludendorff als Chef des Stabes. Die nun folgende "Schlacht bei Tannenberg" wird in den vorherigen Seiten zur Genüge beschrieben.
Nach dieser Schlacht folgte die "Schlacht in Masuren" (04. - 15. September 1914), bei der die 1. russische Armee (General Pavel von Rennenkampf) unter starken Verlusten zum Rüchzug über die Grenze gezwungen wurde. Es wurden 45.000 Gefangene gemacht. 150 Geschütze wurden erbeutet.
Ostpreußen war wieder frei. Die geflüchtete Landbevölkerung kehrte wieder in ihre Heimat zurück. 100.000 Familien haben ihren gesamten Besitz verloren. 36.000 Gebäude waren durch die Kriegshandlungen zerstört worden. 1.600 Zivilisten kamen zu Tode. 10.000 wurden nach Russland verschleppt.
Abschied von der 8.Armee
Hindenburg, inzwischen zum Generaloberst befördert und mit dem Orden "Pour le Merit" ausgezeichnet, musste sich nun von der 8. Armee trennen. Er übernahm am 17. September 1914 das Kommando über die aus Teilen der 8. Armee und den zwei aus der Westfront abgezogenen Korps nördlich Krakau neu gebildeten 9. Armee. Die ebenfalls von der Westfront abgezogene 8. Kavallerie - Division und das sich bereits vor Ort befindliche Landwehrkorps Woyrsch kamen hinzu. Gleichzeitig behielt er aber die Verfügung über die 8. Armee.
Ober-Ost
So bildete sich allmählich ein Oberkommando Ost, kurz Ober-Ost genannt, dem Hindenburg vorstand. Ein gemeinsames Oberkommando mit der Österreichisch - Ungarischen Armee gab es erst später.
In den kommenden zwei Jahren mussten im deutschen Osten schwere russische Angriffe abgewehrt werden. Es gelang dem russischen Oberbefehlshaber Nikolei Nikoleijewitsch nicht, die Ostfront Deutschlands und Österreich - Ungarns zum wanken zu bringen. Er sah sich wieder einmal in Berlin einmarschieren, als er bereits Anfang November 1914 an den französischen Oberbefehlshaber telegraphierte, dass der Endsieg unmittelbar bevorstehe.
Schlacht bei Lodz
Ostpreußen war zwar Mitte September freigekämpft, aber zur gleichen Zeit mussten die Österreicher in Galizien eine schwere Niederlage hinnehmen.
Lemberg wurde geräumt; und als am 11. September der österreichische Oberkommandierende General Conrad von Hötzendorff den allgemeinen Rückzug seiner Truppen befahl, war die Offensive gescheitert. Zerdrückt von der russischen Übermacht geht das österreichische Heer auf die Karpatenpässe zurück und bildet eine neue Widerstandslinie. Die Verluste der Österreicher waren enorm. 250.000 Mann sind gefallen oder verwundet, 100.000 gefangen genommen. Der österreichischen Armee muss geholfen werden, wenn sie nicht vernichtet werden soll.
So geben Hindenburg und Ludendorff ihre Absicht auf, mit der 8. Armee über den Narew nach Russland hineinzustoßen. Die deutschen Truppen werden umgruppiert. Aus Teilen der 8. Armee und den zwei aus dem Westen geschickten Armeekorps (XI. und Garde-Res. Korps) entsteht die 9. Armee, die nach Schlesien transportiert wird, um von dort aus gegen die russischen Truppenmassen, die sich im Raume Warschau zum Angriff sammeln, vorzustoßen.
Hindenburg weiß, dass die ihm zur Verfügung stehenden Truppen nicht stark genug sind, um die bei Warschau versammelten russischen Armeen zu vernichten. Er weiß aber auch, dass er angreifen muss, um nicht wenig später, wenn die Russen ihren Aufmarsch vollendet haben, erdrückt zu werden. So führt er seine 9. Armee vorsichtig vor.
Der russische Oberbefehlshaber, Großfürst Nikolai Nikolaijewitsch, der die Operationen leitet, setzt seine 60 Divisionen gegen die 14 deutschen zum Umgehungsstoß an. Da nützt vor dieser gewaltigen Übermacht auch der Überraschungsangriff des XVII. Korps unter General von Mackensen nichts, obgleich er die russische Front bis Warschau durchbrechen kann. Da werden auch die Österreicher am rechten Flügel der Deutschen zurückgedrängt. Die 9.Armee ist in Gefahr umgangen zu werden. Am 27. Oktober gibt Hindenburg auf Ludendorffs Vorschlag den Befehl zum Rückzug in Richtung auf Oberschlesien. Die Absetzbewegung ist sorgfältig vorbereitet. Alles kommt darauf an, dass der Russe mit seiner überwältigenden Übermacht nicht zu schnell nachrückt, denn Hindenburg braucht Zeit, um einen kühnen Plan vorzubereiten. So fliegen hinter den zurückgehenden deutschen Truppen die Brücken in die Luft, werden Bahndämme gesprengt und Straßen zerstört. Das Ziel wird erreicht: Die russischen Verfolger sind durch ihre Nachschubschwierigkeiten gezwungen, nur zögernd zu folgen. Am 3. November stellen sie sogar die Verfolgung zunächst ganz ein. Es gelingt, die Armee ohne Verluste an Menschen und Material zurückzuführen.
Hindenburg schreibt hierzu:
"Bei dieser Gelegenheit möchte ich nicht unerwähnt lassen, dass uns das rechtzeitige Erkennen der uns drohenden Gefahren durch unbegreifliche Unvorsichtigkeit, ja man könnte sagen, durch die Naivität erleichtert wurde, mit welcher der Russe von seinen funkentelegraphischen Verbindungen Gebrauch machte. Durch Mitlesen der feindlichen Funksprüche waren wir vielfach instand gesetzt, nicht nur die Aufstellung, sondern sogar die Absichten auf feindlicher Seite zu erfahren ...... Doch schien unser schließliches Verderben dieses Mal nicht bloß aufgeschoben? Die Gegner jubelten wenigstens in diesem Sinne. Sie hielten uns augenscheinlich für völlig geschlagen. Vielleicht war diese ihre Ansicht unser Glück, denn am 1. November verkündet ein russischer Funkspruch: 'Nachdem man jetzt 120 Werst verfolgt habe, sei es Zeit, die Verfolgung der Kavallerie zu überlassen. Die Infanterie sei ermüdet, der Nachschub schwierig'. Wir können also Atem schöpfen und an neue Pläne herantreten."
Dann beginnt ein schnelles Umgruppieren der Korps. Im Fußmarsch und mit der Eisenbahn rücken starke Teile der 9. Armee in den Raum Hohensalza - Thorn. Sie sollen von dort aus längs der Weichsel in die Flanke der langsam auf das Reichsgebiet vormarschierenden russischen Armeen stoßen und den Plan des Großfürsten Nikolai Nikolaijewitsch durchkreuzen.
Mackensen bricht am 12. November vor, zerschlägt das V. sibirische Korps; bei Kutno werden in zweitägigem harten Ringen die Russen geworfen. Der russische rechte Flügel ist entscheidend geschlagen. Er weicht, zieht sich auf Lodz zurück und wird dort zwischen dem 19. und 22. November von drei Seiten angegriffen. Seine Lage ist fast verzweifelt. Da führt der Großfürst frische Truppen von Warschau her in den Kampf, und nun wendet sich über Nacht das Blatt. Die russischen Truppen umfassen ihrerseits den deutschen linken Flügel bei Brzeziny. Er wird eingeschlossen, jetzt droht den Deutschen ein Tannenberg-Schicksal. Die russische Heeresleitung fordert schon Güterwagen an, um die zu erwartenden 20.000 deutschen Gefangenen abzutransportieren. Aber die Gardetruppen unter General Litzmann und ostdeutsche Freiwillige werfen sich auf die Russen. Bei Borowo hält ein ostdeutsches Freiwilligenbataillon mit wenigen Geschützen einer ganzen sibirischen Division bis zum letzten Mann stand und schafft die Voraussetzung für den Durchbruch. Am nächsten Tag kommt an derselben Stelle ein Batterieführer der Garde-Feldartillerie bis auf wenige hundert Meter an den die Umklammerung haltenden Bahndamm heran und vernichtet die dort zur Verteidigung eingerichteten Russen in direktem Beschuss. Der Kessel wird aufgerissen, die Deutschen erzwingen den Durchbruch! Am 24. November haben sie wieder Verbindung mit ihrem Hauptteil. Sie bringen über 10.000 gefangene Russen mit.
Zwar führte der gewagte Plan Hindenburgs, den sogar ein späterer Publizist noch als "das wohl genialste und strategisch eleganteste Manöver des ganzen Krieges" bezeichnet, (Walter Görlitz: "Hindenburg", Bonn 1953) nicht zur Vernichtung der russischen Kräfte, weil die zahlenmäßige Überlegenheit der Russen zu überwältigend war. Aber er erreichte, dass die "Russische Dampfwalze" zum Stehen gebracht wurde. Schlesien, nach dem Ruhrgebiet das wichtigste Industriezentrum des Deutschen Reiches, war nicht mehr bedroht.
Winterschlacht in Masuren
Nachdem im Westen der Schlieffenplan gescheitert ist, reifen im Stab Ober-Ost Pläne, die Entscheidung im Osten herbeizuführen. Man ist hier fest überzeugt, dass mit genügend starken Truppen Russland, in dem sich Zersetzungserscheinungen zeigen, in die Knie gezwungen werden kann, während die Westfront defensiv bleibt. So wendet er sich, wie schon vor seiner letzten Offensive, an den neuen Generalstabschef Falkenhayn, er schreibt an den Kaiser, unterbreitet ihnen seine Pläne für eine großangelegte Offensive, bittet um Verstärkungen. Hindenburg hält es für sinnlos, dass Falkenhayn in Flandern Kräfte verbraucht, die für den Osten entscheidend sein können.
Der Generalstabschef und der Kaiser lehnen Hindenburgs Vorschläge ab. Ihm wird lediglich eine neue Armee, die 10., unter Generaloberst von Eichhorn zur Verfügung gestellt. Jetzt befehligt Hindenburg drei Armeen und die Abteilung Gallwitz, die aus Festungsbesatzungen und aus Landsturm gebildet worden war.
Diese Verstärkung der deutschen Truppen im Osten, wenn sie auch für einen entscheidenden Schlag nicht ausreichen, war dringend erforderlich geworden, denn die Russen rüsten sich erneut zu einem die ganze Front umfassenden gewaltigen Angriff, der die deutsch-österreichische Verteidigungslinie endgültig zerbrechen soll.
Ludendorff schilderte die Absichten der Russen so:
"Die Entente wollte 1915 noch durch Russland den Krieg gewinnen. Während der Großfürst mit ganzer Kraft in den Karpaten anzugreifen beabsichtigte, sollten nach seinem sogenannten ‚gigantischen Plan' starke russische Kräfte zwischen dem Njemen und der Chaussee Gumbinnen - Insterburg gegen den nur schwachen nördlichen Flügel der 8. Armee eingesetzt werden, ihn eindrücken, die Armee umfassen und gegen die Weichsel werfen. Andere Truppen, namentlich starke Kavalleriemassen, hatten zwischen Mlawa und der Weichsel unsere dort stehenden schwachen Truppen zu schlagen und in Westpreußen einzufallen. Die preußischen Landstriche östlich der Weichsel sollten erobert, die dort befindlichen deutschen Truppen vernichtet werden."
Einem solchen gewaltigen Ansturm würde die schwache deutsche Front nicht standhalten. So gilt es, die russischen Pläne zu durchkreuzen. Der Stab des Ober-Ost arbeitet Pläne aus, nach denen zwei deutsche Armeen (8. + 10.) von Ostpreußen aus den gegenüberliegenden russischen Flügel, die 10. Armee, einkesseln und vernichten sollen. Dieser Schlag muss überraschend erfolgen. Um die Russen zu täuschen, bekommt die 9. deutsche Armee Befehl, die in Polen stehenden russischen Kräfte anzugreifen. Die Täuschung scheint zu gelingen. Aus aufgefangenen Befehlen geht hervor, dass die Russen wirklich an eine ernste Offensive in diesem Raum glauben.
Inzwischen versammeln sich in Ostpreußen die 8. und 10. deutsche Armee. Nachdem Hindenburg nach der Schlacht an den masurischen Seen im Herbst 1914 seine Truppen nach Polen werfen musste, war Ostpreußen nur von schwachen deutschen Kräften verteidigt worden. Sie konnten nicht verhindern, dass die Russen deutsches Gebiet östlich der Masurischen Seen erneut besetzten. Im Norden und Süden der Provinz sollen jetzt die Truppen die feindlichen Stellungen umfassen, die 10. russische Armee einschließen und vernichten. Bei -20° C und dichtem Schneetreiben tritt General Litzmann am 7. Februar 1915 am Südflügel zum Angriff an. Einen Tag später stürmen die übrigen Verbände. Die Winterschlacht in Masuren beginnt.
Ludendorff schilderte den Angriff:
"Was von Mann und Pferd in diesen Tagen geleistet wurde, ist unbeschreiblich und eine Ruhmestat für alle Zeiten. Mühsam arbeiteten sich die Anfänge der Marschkolonnen durch die Schneeverwehungen. Fahrzeuge blieben stecken, die Kolonnen stockten, sie wurden immer länger. Die Infanterie schob sich an Fahrzeugen und Geschützen vorbei und suchte nach vorn wieder Anschluss zu gewinnen. Geschütze und Munitionswagen wurden mit 10 bis 12 Pferden bespannt. So bedeckten allmählich die Marschstraßen lang hingezogene Heeressäulen mit vorwärtsstrebender Infanterie, dazwischen nur wenige Geschütze mit noch weniger Munition. Für die Nacht oder im Kampfe schlossen die Kolonnen wieder etwas auf. Nach wenigen Tagen schlug das Wetter um, die Wege wurden grundlos, auf dem noch gefrorenen Boden außerhalb der Wege stand das Wasser an tiefen Stellen oder auf den Sümpfen. Es war ein Glück, dass wir durch die weite Umfassung in den feindlichen Trainkolonnen Nahrungsmittel erbeuteten, sonst hätte die ganze Bewegung wegen Verpflegungsmangel eingestellt werden müssen.
Für die Generalkommandos und die untere Führung entstanden ganz außerordentliche Schwierigkeiten. Es dauerte bei Zusammenstößen mit dem Feinde lange, ehe gefechtsfähige Verbände zur Stelle waren. Befehle waren nicht durchzubringen, Leitungen zerrissen im Sturm, Meldungen kamen nicht an. Und trotzdem wurde das Höchste geleistet."
Auch im Hauptquartier blieben Krisen nicht aus. Aus den eingehenden Meldungen kam der Stab Ober-Ost zu der Ansicht, es sei unmöglich, angesichts der eisigen Schneestürme und der gewaltigen Schneeverwehungen die noch 40 Kilometer breite Lücke im Einschließungsring zu schließen. Ludendorff wirft den Zirkel auf den Kartentisch und sagt: "Herr Feldmarschall, wir haben großes Unglück. Diese großangelegte Bewegung geht ins Auge. 40 Kilometer sind offen, die Russen marschieren raus."
Es ist bereits Abend. Hindenburg bleibt ruhig und meint tröstend, Gott habe ihnen mehr Glück gegeben, als sie verdienten, es sei nicht anzunehmen, dass das aufhöre. Wer laufe, laufe schneller als der Verfolger, 80.000 Mann säßen schon drin, den Rest werde man bei Augustowo greifen. Alles übrige habe Zeit bis morgen, er gehe zu Bett, gäbe es Wichtiges, könne man ihn ja wecken. "Gute Nacht, meine Herren!" Ludendorff sieht ihm nach, sein Monokel einklemmend, und bemerkt: "Und wissen Sie, was das Tollste an der Geschichte ist, meine Herren? Jetzt schläft der Mann wirklich bis morgen früh! Das sind Nerven!"
Hindenburg behält mit seiner Gelassenheit wieder einmal recht: Am 18. Februar 1915 wird bei Lipsk, also auf russischem Boden, der Kessel geschlossen. 110.000 Russen ergeben sich, unter ihnen ein Korpschef und drei Divisionskommandeure. Die Beute ist unübersehbar. Eine russische Armee ist nahezu vollständig vernichtet. Die deutsche Verteidigungslinie verläuft jetzt auf russischem Boden, die Gefahr für Ostpreußen, aber auch für Wien und den Donauraum, ist auf lange Sicht beseitigt, und zwar wiederum durch erfolgreichen Kampf einer entschlossenen, kühn geführten Minderheit gegen eine erdrückend erscheinende Übermacht.
1915
Der Stab Ober-Ost erwägt einen neuen Anlauf, um die Entscheidung des Krieges im Osten herbeizuführen.
Aus Ostpreußen sollen starke Kräfte hervorstoßen, in Galizien ein südlicher Angriffskeil vordringen, in einer weit ausholenden Zangenbewegung die russischen Armeen einkesseln und vernichten.
Aber dazu reichen die schwachen Kräfte, die jetzt an der Ostfront stehen, nicht aus. Hindenburg wendet sich erneut an Falkenhayn und bittet um Verstärkung. Er beschwört ihn, die Entscheidung im Osten jetzt herbeizuführen. Der österreichische Generalstabschef Conrad von Hötzendorf unterstützt den Plan.
Falkenhayn lehnt ab. Er hat sich darin verbissen, im Westen doch noch die Initiative zurückzugewinnen; außerdem macht ihm die Gesamtlage Sorge. Am 23. Mai 1915 hat Italien, das unter dem Druck der englisch - französischen Seeherrschaft im Mittelmeer steht, Österreich den Krieg erklärt. Nur eine dünne Verteidigungslinie von Tiroler Standschützen hält zunächst den anstürmenden Italienern stand. Auf Gaulpoli sind die Engländer gelandet, um die gemeinsam mit Deutschland und Österreich tapfer kämpfenden Türken von der Landseite anzugreifen und über Konstantinopel die Verbindung zu Russland herzustellen. Um deutsche Unterstützung in die Türkei gelangen zu lassen, wird es notwendig sein, Serbien zu erobern. So schreckt Falkenhayn vor dem Wagnis, im Osten zum großen, vielleicht entscheidenden Schlag auszuholen, erneut zurück.
Nur um wenigstens die Handlungsfreiheit gegen die russische Übermacht zu behalten, stößt im Mai die 9. deutsche Armee unter General von Mackensen zwischen den Karpathen und der Weichsel vor, durchbricht die russischen Linien und bringt den Heeren des Zaren bei Tarnow - Gorlice eine Niederlage bei.
Wieder drängen Hindenburg und Ludendorff die Oberste Heeresleitung, die Zustimmung zu einem großangelegten Angriff auf dem Nordflügel der Ostfront in Richtung auf Kowno zu geben, um so die russischen Heere in die Zange zu nehmen. Wieder lehnt Falkenhayn ab. Er ist mit dem Kaiser einer Meinung: nur kleine Operationen mit begrenzten Zielen sollen durchgeführt werden. Hindenburg und Ludendorff sind überzeugt, dass der Kaiser falsch beraten wird, aber sie sind Soldaten und gehorchen, wenn auch voll Zorn.
Nach dem Kriege erfuhr man, dass zu diesem Zeitpunkt die russische Armee wirklich bereits der Auflösung nahe war. Zu hoch waren ihre Verluste an Menschen und Material gewesen. Ein kraftvoll geführter Stoß hätte die russische Front mit hoher Wahrscheinlichkeit zusammenbrechen lassen. So mussten Hindenburg und Ludendorff versuchen, mit ihren geringen Kräften und am Zügel, den ihnen die Oberste Heeresleitung angelegt hatte, das Bestmögliche zu erreichen. Kowno, Wilna und Warschau wurden erobert, die deutschen Truppen besetzten Kurland, Litauen, Ostpolen, aber zu Vernichtungsschlachten kam es nicht mehr. Die Russen wurden lediglich weiter zurückgedrängt. Wie bereits im Westen, so erstarrte jetzt auch im Osten die Front.
Verhältnismäßig ruhig ging das Jahr 1915 im Hauptquartier Ober-Ost zu Ende, doch befriedigend waren die Erfolge für Hindenburg nicht gewesen. Zwar war das russische Heer schwer angeschlagen, aber zu einer vernichtenden Operation hatten die deutschen Kräfte nicht ausgereicht; Hindenburgs und Ludendorffs Pläne und Vorschläge waren ungehört verhallt.
Der Feldmarschall glaubte nicht den Stimmen, die meinten, die russischen Verluste an Menschen und Material seien so schwer gewesen, dass die Ostfront lange Zeit Ruhe haben würde. Mit einiger Sorge betrachtete er das Stärkeverhältnis. Die deutschen Osttruppen hatten sogar noch Kräfte an den Westen abgeben müssen - vor allem schwere Artillerie -‚ weil Falkenhayn zum Sturm auf die französische Festung Verdun ansetzte. Jetzt musste man im Osten damit rechnen, dass dem Abschnitt einer deutschen Division (sie bestand aus 9 Bataillonen) zwei bis drei russische Divisionen mit 32 bis 48 Bataillonen gegenüberlagen. Immer wieder trafen Meldungen ein über starke Truppenbewegungen hinter der russischen Front, aber man ahnte auf deutscher Seite doch nicht, dass die Russen im Gebiet des Narocz-Sees 370 Bataillone bereitgestellt hatten, die gegen nur 70 deutsche Bataillone vorstürmen sollten.
Hindenburg schreibt hierzu:
"Am 18.März 1916 bricht der russische Angriff los. Nach einer artilleristischen Vorbereitung, wie sie die Ostfront in gleicher Stärke noch nie zu durchleben hatte, stürmen die feindlichen Massen gleich einer ununterbrochenen Sturzflut auf die dünn besetzten deutschen Stellungen. Doch vergeblich treiben russische Batterien und Maschinengewehre die eigene Infanterie gegen die deutschen Linien; umsonst mähen zurückgehaltene feindliche Truppen die eigenen vordersten Linien nieder, wenn diese zu weichen und dem Verderben durch das deutsche Feuer zu entgehen versuchen. Förmlich in Hügeln häufen sich die russischen Gefallenen vor der Front. Die Anstrengungen für die Verteidiger sind freilich in das Ungeheuere gesteigert. Beginnendes Tauwetter füllt die Schützengräben mit Schneewasser, verwandelt die bisher deckenden Brustwehren in zerfließenden Erdbrei und macht aus dem ganzen Kampffeld einen grundlosen Morast. Bis zur teilweisen Bewegungsunfähigkeit schwellen den Grabenbesatzungen die Gliedmaßen in den eisigen Wassern an. Allein es bleibt genug Lebenskraft und Kampfeswille in diesen Körpern, um die feindlichen Anstürme immer wieder zu brechen. So bringt der Russe auch diesmal alle Opfer vergebens, und vom 25. März ab können wir siegessicher auf unsere tapferen Soldaten am Narocz-See blicken."
Immer noch haben Hindenburg und Ludendorff die Hoffnung, von der Obersten Heeresleitung ausreichende Verstärkungen zu erhalten, um an der Ostfront zum entscheidenden Schlag anzutreten. Als aber statt dessen immer mehr deutsche Verbände vom Osten nach Westen abgezogen werden, müssen alle diese Absichten aufgegeben werden.
Falkenhayn will Frankreich in einer Zermürbungsschlacht sich ausbluten lassen, ein Gedanke, der ebenso weit entfernt ist von den Grundsätzen des alten deutschen Generalstabes, wie von den Gedankengängen Hindenburgs und Ludendorffs. Verdun, die starke französische Festung an der Maas, ein strategisch beherrschender Punkt, den Schlieffen umgehen und umfassen wollte, wird das Ziel des verbissenen deutschen Angriffs, der unter Aufbietung von einer bisher nicht gesehenen Artillerie-Ballung am 21.Februar 1916 beginnt. Diese Schlacht wird eine der furchtbarsten der beiden Weltkriege. Zwar gelingt es der deutschen Infanterie, im ersten Ansturm das starke Fort Douaumont zu erobern, aber dann bleiben die Truppen im Feuer der französischen Geschütze liegen. Der französische Oberbefehlshaber Marschall Joffre wirft Division auf Division in die Schlacht, Falkenhayn führt immer neue Einheiten ins Feuer. Zusammengeschlagen und ausgeblutet kehren sowohl auf französischer als auch auf deutscher Seite die Trümmer der Bataillone aus der Hölle von Verdun zurück. Neue Regimenter rücken in das Trichterfeld demselben Schicksal entgegen. Und immer wieder versuchen die Feldgrauen, gegen die französischen Stellungen anzurennen, und immer wieder wehren sich verbissen und tapfer die Franzosen unter ihrem General Pétain, immer wieder pflügt das Trommelfeuer die gequälte Erde um. Unvorstellbar hoch sind die Verluste auf beiden Seiten. Die Toten können nicht begraben, die Verwundeten nicht zurückgebracht werden. In den Trichterfeldern von Verdun verbluten nicht nur, wie Falkenhayn es beabsichtigt hatte, die französischen Divisionen, sondern ebenso die deutschen. So wendet sich die Zermürbungsschlacht gegen Deutschland selbst.
Während die Blüte der deutschen und französischen Jugend vor Verdun zermahlen wird, durchbrechen die Russen im Süden der Ostfront unter General Brussilow in einem neuen gewaltigen Ansturm die österreichisch - ungarische Front. Große Teile der Bukowina und Galiziens werden von ihnen erobert. Im österreichischen Heer zeigen sich Anzeichen der Auflösung. Ganze Regimenter laufen geschlossen zu den Russen über. Nur die Südarmee unter General Graf Bothmer bildet noch eine starke Säule inmitten dieser Brandung. In wochenlangen Kämpfen verlieren die Österreicher über eine halbe Million Soldaten.
Gleichzeitig treten die Italiener zum Angriff an. Und am 24. Juni beginnen im Westen 3000 englische und französische Geschütze auf die deutschen Stellungen beiderseits der Somme zu trommeln; nach siebentägigem Feuer treten 14 englische und 5 französische Divisionen zum Sturm auf die 7 deutschen Divisionen an, die diesen Abschnitt verteidigen. Auf breiter Front droht auch hier der Durchbruch. Aber die zusammengeschmolzenen deutschen Regimenter werfen sich mit dem Mut der Verzweiflung den Engländern und Franzosen entgegen. Wohl werden sie etwa 2,5 Kilometer zurückgedrängt, aber die deutsche Front hält. Erneut stoßen die Alliierten vor. Die Sommeschlacht gilt als eine der furchtbarsten Materialschlachten des letzten Jahrhunderts.
Weitere Schläge treffen die Mittelmächte. Rumänien erklärt den Krieg, die französisch-englische Orientarmee beginnt vor Saloniki den Angriff auf Bulgarien, die Türkei meldet Rückschläge im Kaukasus, in Mesopotamien und an der Palästinafront.
Die Waage des Krieges beginnt sich gegen Deutschland zu senken. Es rächt sich furchtbar, dass die Entscheidung nicht rechtzeitig dort gesucht worden ist, wo sie hätte erkämpft werden können. Tannenberg war ein Signal. Als man den Feldmarschall endlich an den Platz ruft, an dem ihn Waldersee und der alte Moltke schon 1887 sehen wollten, ist es zu neuer Entscheidung bereits zu spät.