An der Nordwestfront erforderte der Zusammenbruch der 2. Armee besondere Maßnahmen. Man rechnete damit, dass die
Deutschen weiter angreifen würden. Sie konnten sich
1.) gegen die vom Kurischen Haff bis zu den Masurischen Seen stehende 1. Armee wenden oder
2.) gegen den Narew im Süden, außerdem
3.) mit neuen
Kräfteni von Westen her gegen den Raum um Warschau.
Der Oberbefehlshaber der Nordwestfront, General Shilinski, hatte am 31. August der
1. Armee befohlen, sich nördlich der Masurischen Seen hartnäckig zu verteidigen, die 2. Armee sollte mit ihrem linken
Flügel auf Lomsha zurück gehen. Das bedeutete ein sofortiges Aufgeben des Raumes um Warschau. Bei der erwähnten
Besprechung in Bjelostok lehnte der Großfürst das ab. Um die entscheidende Operation in Galizien gegen eine Einwirkung
aus Ostpreußen zu schützen, musste man bei Warschau und am Narew dauernd ausreichende Kräfte zur Abwehr bereithalten.
Die anrollende 10. Armee (XXII. Korps aus Finnland, III. sibirisches, I. turkestanisches und II. kaukasisches) sollte
in die Lücke zwischen der 1. und 2. Armee eingeschoben werden. Andererseits wurde auf dem Westflügel der
2. Armee eine besondere Abteilung Warschau (2 Infanterie- und 1¾ Kavallerie-Divisionen von der 2. und 9. Armee)
gebildet. Zunächst wollte man sich auf reine Abwehr beschränken. Etwa Mitte September aber, hoffte General Shilinski,
werde die 2. Armee wieder verwendungsfähig und das XXII. und das III. sibirische Korps heran sein. Dann wollte er den
Angriff auf der ganzen Linie wieder aufnehmen. Die Oberste Heeresleitung hegte Zweifel, ob die Deutschen so lange Ruhe
halten würden.
Für die Abwehr war der Abteilung Warschau, der 2. und 10. Armee der Lauf der Weichsel mit den Festungen Warschau und
Nowogeorgiewsk und anschließend daran die befestigte Narew-Bobr-Linie klar vorgezeichnet.
Darüber, wie die russische 1. Armee (Rennenkampf) sich gegen den zu erwartenden deutschen Angriff verhalten
solle, hatte am 31. August ein Gedankenaustausch zwischen Heeresgruppe und Armee-Oberkommando stattgefunden. General
Mileant, der Generalstabschef der 1. Armee, hatte vorgeschlagen, bis in die Linie Insterburg-Goldap zurückzugehen, um die Deutschen, wenn sie durch das Seengebiet vorgingen, von Norden her zu bedrohen. Der Generalstabschef der
Heeresgruppe, General Oranowski, war mit diesem Plan einverstanden gewesen. General von Rennenkampf aber hatte ihn
abgelehnt. Er befürchtete von weiterem Rückzug eine ungünstige moralische Wirkung auf die Truppe. Er fühlte sich stark
genug, den deutschen Vormarsch abzuwehren, wo er jetzt stand. So blieb die 1. Armee in ihrer von Natur aus starken
Stellung hinter Deime, Omet und angelehnt an die Masurischen Seen stehen. Die Stellungen wurden verstärkt.
Man rechnete wohl schon mit einem Vorgehen der Deutschen über Lötzen, mit dem kühnen Wagnis eines Ausholens um das
Südende der Seen herum aber doch nicht.
General von Rennenkampf hatte Anfang September im ganzen 16½ Infanterie-Divisionen,
davon 8½ aktive, die übrigen Reserve-Divisionen, und 5½ Kavallerie-Divisionen unter seinem Befehl. Diese Stärke hat
sich auch bis zu den entscheidenden Kampftagen nicht mehr gehoben. Man wagte aber nicht, alle Feldtruppen aus den
Festungen heranzuziehen, obwohl deren Ablösung durch Reichswehrtruppeni gerade stattgefunden haben musste.
Daher sind von der 68. Reserve-Division aus Riga, der 73. aus Kowno und der 76. aus Grodno nur Teile, vor allem
Artillerie, zur Front herangeholt worden.
So verfügte General von Rennenkampf bei Beginn der Kämpfe an der Front im ganzen doch nur über 14 Divisionen
Infanterie, von denen er 8½ nördlich der Seen in der Front einsetzte, von rechts beginnend:
Das neugebildete XXVI. Reserve-Korps mit der 53. und 56. Reserve-Division,
der 1. selbständigen Kavallerie-Brigade und Artillerie der 73. Reserve-Division an der Deime-Front
das III. Korps mit der 25. und 27. Infanterie-Division bei Allenburg
das IV. Korps mit der 40. und 30. Infanterie-Division
der 5. Schützen-Brigade und der 57. Reserve-Divisionen bei Gerdauen
das II. Korps mit der 26. Infanterie-Division bei Angerburg
Die andere Division dieses Korps, die 43., sowie ein Infanterie-Regiment und die gesamte Artillerie der 76.
Reserve-Division hatten östlich der Seen die Flanke zu schützen. Dazu war das Infanterie-Regiment 169 bis Arys nach
Süden vorgeschoben. Mehr als vier Divisionen standen als Reserven hinter der Front, davon die Masse hinter dem
Nordflügel, wo man deutsche Unternehmungen über das Kurische Haff oder von See her befürchtete
(Dort wo deutsche Flieger westlich Insterburg an mehreren Tagen ganze Divisionen erkannt haben wollen, scheinen keine
größeren Kampfeinheiten gestanden zu haben, sondern wahrscheinlich nur Tross. Dieser war bei russischen Einheiten
wesentlich größer als bei den Deutschen, deshalb wahrscheinlich das falsche Ergebnis der Aufklärung.)
So wurde hinter der an sich schon sehr stark besetzten Deime-Front auch noch das XX. Korps (28. und 29.
Infanterie-Division) bereitgehalten. Bei Tilsit deckten Teile der 68. Reserve-Division. Das Oberkommando der
Nordwestfront wollte dort sogar eine ganze Infanterie-Division und eine Kavallerie-Brigade bereit gestellt haben. Die
54. Reserve-Division stand bei Insterburg, die 72. bei Darkehmen. Es liegen keine Anhaltspunkte vor, das General von
Rennenkampf den Gedanken hegte mit diesen starken Reserven einen entscheidenden Stoß anzusetzen, wie es die Deutschen
für möglich gehalten hatten. Die Heereskavallerie war allmählich hinter die Front zurück gewichen.
Es waren dies:
Die 2. Brigade der 1.
Garde-Kavallerie-Divisioni (Gen.Lt. Kasnakow)
(Leibgarde Kürasier-Regiment des Kaisers und
Leibgarde Kürasier-Regiment der Kaiserin Marie)
Die 2. und 3. Kavallerie-Division (General Chan Hussein) zu einem Korps vereint
und die 2. Garde-Kavallerie-Division (Gen.Lt. Rauch)
Die 1. Kavallerie-Division war zum Übertritt zur 10. Armee bestimmt, hielt sich aber zunächst noch in der Südflanke der
1. Armee südlich Goldap auf.
Die Anfänge der 10. Armee trafen nach und nach südlich der 1. Armee ein, zuerst das auf Lyck angesetzte XXII. Korps und das nach Grajewo bestimmte III. sibirische Korps. Das XXII. Korps hatte eine Vorhut gegen Johannisburg vorzutreiben, während das III. sibirische seine vorderste Division, die 8. sibirische Schützen-Division, zunächst noch zur Besetzung der Narew-Befestigungen Ossewjez und Lomsha abgeben musste.
Am 7. September hatte die Heeresgruppe der Nordwestfront die erste überraschende Nachricht erhalten, dass eine
deutsche Infanterie-Division zusammen mit einer Kavallerie-Brigade längs der ostpreußischen Südgrenze Richtung Osten
marschiere. Der Oberkommandierende, General Shilinski, erkannte die starke und weit ausholende Umfassungsbewegung und
befahl darauf den Vormarsch der verfügbaren Teile der 10. Armee von Lyck und Lomsha gegen Arys und Johannisburg, den
der 2. (Rest)-Armee gegen Myschinjez-Chorshele.
Inzwischen war aber am Abend des selben Tages die Vorhut des XXII. Korps (Teile der 1. und 3. finnländischen
Schützen-Brigade) bei Bialla bereits angegriffen und teils auf Grajewo, teils nach Norden zurückgeworfen worden.
Auch wurde ein deutscher Funkspruch aufgefangen, über die Ausladung des Gardekorps und V.Armeekorps. i An der Deime
bemerkte man erhöhte deutsche Gefechtstätigkeit.
So wurde man beim Heeregruppen-Kommando am 8. September schwankend. General von Rennenkampf, der zwar selbst seine Lage
bisher für sicher hielt, sollte nötigenfalls auf Gumbinnen ausweichen, die Korps der 10. Armee "im
Falle des Vormarsches bedeutender feindlicher Kräfte" auf Augustow und Grajewo. Noch am selben Tag aber
wechselte die Auffassung wieder, vielleicht unter dem Einfluss der Obersten Heeresleitung, insbesondere wohl des
Großfürsten Nikolai Nikolajewitsch. Der Großfürst rechnete damit, "dass die 1. Armee ihre Stellung
mit größter Hartnäckigkeit verteidigen wird, was angesichts dieser Tage an der Südwestfront erwarteten Entscheidung
nötig erscheint". Die Stärke des deutschen Südflügels wurde nur gering veranschlagt. Von der 10. Armee
sollte nunmehr das XXII. Korps die Enge von Nikolaiken besetzen, das III. sibirische Korps wurde von Süden gegen
Bialla-Johannisburg angesetzt. Gelang es, den Südflügel des deutschen Vormarschs zum Stehen zu bringen, so schien für
die linke Flanke der 1. Armee jede Gefahr beseitigt.
Diese Weisungen führten dazu, dass von der 10. Armee noch am 8. September abends alle verfügbaren Teile des XXII. Korps
(etwa zwei Brigaden) von Lyck nach Westen antraten, gegen Flanke und Rücken der auf Arys marschierenden deutschen
Truppen. Das III. sibirische Korps aber begann zu dieser Zeit erst, sich bei Grajewo zu sammeln, nachdem seine 8.
Schützen-Division in ihren Stützpunkten am Narew durch neu eintreffende Einheiten des I. turkestanischen Korps abgelöst
worden war.
Inzwischen war auch die 2. Armee angetreten. Der neue Oberbefehlshaber, General der Kavallerie Scheidemann (bisher
Kommandierender General des II. Korps) verfügte, ohne die Festungsbesatzungen, über etwa 5½ Infanterie-Divisionen (I.
und VI. Korps, eine Infanterie-Division vom XXIII. Korps, 1. Schützen-Brigade) und über drei Kavallerie-Divisionen (4.,
6. und 15.). Diese Kräfte waren bis dahin auf die reine Abwehr an der Narew-Linie eingestellt gewesen und trotz der
Schwäche der hier angesetzten deutschen Landwehr-Abteilungen auf die Flusslinie zurück gewichen. Große Angriffskraft
hatte sie nach allem, was vorhergegangen war, nicht mehr. Trotzdem sah man davon ab, Teile von der Obersten
Heeresleitung als "Abteilung Warschau" und als Festungsbesatzung bestimmten Verbände zum Angriff mit vorzuführen. So
blieben zum Schutz Warschaus die ganze 59. und 77. Reserve-Division nebst 1¾ Kavallerie-Divisionen und in
Nowogeorgiewsk (nordwestlich Warschau) die 79. Reserve-Division stehen. Außerdem sollte auch noch die 1.
Schützen-Brigade bei Pultusk zur Deckung der dortigen Narew-Übergänge zurück bleiben. So wurden fünf bereits bei
Tannenberg schwer geschlagene Infanterie-Divisionen gegen den Feind geführt, während 3½ andere, die weniger gelitten
oder noch gar nicht im Kampf gestanden hatten, zurück blieben.
Der Vormarsch der 2. Armee gelangte am 9. September bis Myschinjez und Chorshele. Bei Myschinjez hatte das VI. Korps
und die 4. Kavallerie-Division vergeblich die deutsche 70. Landwehr-Brigade angegriffen.
Bei der 1. Armee spitzte sich die Lage immer mehr zu. Eine schwere Bedrohung in der südlichen Flanke machte sich fühlbar. Die 10. Armee hatte die erhoffte Entlastung bisher nicht gebracht. Über Arys und Lötzen schwenkten die Deutschen nach Norden ein. Der schwache Südflügel der 1. Armee sah sich unerwartet von überlegenen deutschen Truppen bedrängt. Die russische Front nördlich der Masurischen Seen war bisher nirgends ernsthaft angegriffen, und die Reserven und die Reiterei standen noch unberührt. So glaubte General von Rennenkampf sich schließlich auch ohne die Hilfe der 10. Armee halten zu können.
Am 8. September hatte er angeordnet, dass vom rechten Flügel die 29. Infanterie-Division des XX. Korps und die 54.
Reserve-Division zur Abwehr der bedrohenden Umfassung auf Darkehmen und die dort stehende 72. Reserve-Division weiter
nach Süden antreten sollten. Am 9. September ließ er ihnen den Rest des XX. Korps (28. Infanterie-Division) folgen und
setzte das Kavalleriekorps des Chan Hussein und die 2. Garde-Kavalleriedivision auf Goldap an.
Diese Maßnahmen kamen zu spät, um den Zusammenbruch der 43. Infanterie-Division bei Possessern am 9. September abends
aufzuhalten. Für den 10. September aber waren vier Infanterie- und drei Kavallerie-Divisionen neu zum Einsatz zur
Verfügung an einer Stelle, wo bisher 1¼ Infanterie- und 1 Kavallerie-Division der deutschen Übermacht entgegen
gestanden hatten. Die Lage war auch jetzt noch keineswegs aussichtslos.
General von Rennenkampf gab am 9. September nachmittags den Rückzugsbefehl für die Front nördlich der Seen. Dieser Befehl kam für die vorne fechtenden Truppen überraschend. Die Bewegung wurde in der Nacht zum 10. September trotzdem im großen und ganzen geordnet angetreten. Der Nordflügel, der den Befehl schon um 17:00 Uhr erhalten hatte, und die Mitte marschierten bald darauf ab, während der Südflügel bei Angerburg länger halten musste. Hier schaffte sich der Kommandierende General des russischen IV. Korps, General Alliew, aus eigenem Entschluss durch kräftige Gegenstöße Luft.
Am 10. September schien mit der Loslösung vom Feind die Gefahr beseitigt, zumal General von Rennenkampf das XXII.
Korps zu dieser Zeit im Vorgehen gegen den Rücken der deutschen Umfassung annahm. Er erwog sogar, mit diesem Korps
zusammen auf dem Südflügel wieder zum Angriff vorzugehen.
Um so größer war dann die Bestürzung beim Oberkommando der 1. Armee in Insterburg, wie bei dem der Heeresgruppe in
Bjelostok, als in der Nacht zum 11. September die Einnahme Goldaps durch die Deutschen gemeldet. Die Erfahrungen von
Tannenberg schreckten. Der Abzug des soeben erst verstärkten Südflügels der Armee war aufs äußerste gefährdet. Über
Darkehmen mussten am 11. September 2½ Divisionen des IV. Korps zurückgehen. Südlich von ihm aber standen noch das II.
und XX. Korps mit zusammen 6 Divisionen. Das II. sollte sich durch Gegenstöße nach Süden Luft machen, das XX. Goldap
wieder nehmen. Das gelang zwar nicht, aber die Abwehrmaßnahmen hielten die überholende Verfolgung der Deutschen auf.
Abends kamen diese bis vor Gawaiten und nach Tollmingkehmen. Der Weg nach Osten war für die südlich der Linie
Darkehmen-Tollmingkehmen stehenden russischen Verbände verlegt. Das XXII. Korps konnte nicht helfen. So entzogen sich
die sechs Divisionen des russischen Südflügels der drohenden Gefangennahme durch nächtlichen Abmarsch nach Nordosten.
Auch scheinen Teile des XX. Korps am 12. September zwischen der 1. und 2. Division des deutschen I. Armeekorps hindurch
über Tollmingkehmen entkommen zu sein.
Die auf dem Südflügel im ganzen vier Divisionen zählende russische Kavallerie hat den Rückzug der 1. Armee nicht so
unterstützt wie man erwarten konnte.
Die 1. Kavallerie-Division hat am 9. September am Widminner See mitgekämpft, dann aber ist General Romeiko-Gurko, einer
früheren Weisung folgend, nach Süden zur 10. Armee abgerückt.
Die 2. Garde-Kavallerie-Division unter Generalleutnant Rauch ist am 10. September früh nördlich Possessern gegen das
deutsche XVII. Armeekorps (Mackensen) ins Gefecht getreten, am Abend desselben Tages wurden die vordersten Teile durch
die deutsche 8. Kavallerie-Division (Gen.Mj. Graf von der Schulenburg) aus Goldap vertrieben.
Das Kavalleriekorps des Gen.Lt. Chan Hussein gelangte ohne Feindberührung bis in die Gegend südlich der Romintenschen
Heide. Erst vom 11. September ab übernahmen die drei noch verbliebenen Kavallerie-Divisionen in wirksamer Weise den
Schutz der Armeeflanke in der Romintenschen Heide und verzögerten von da ab dem dort vordringenden deutschen
Kavalleriekorps deren Umfassungsbewegung. Mit den Leistungen des Gen.Lt. Chan Hussein Nachitschewanski war man wohl an
höherer Stelle nicht ganz zufrieden, er wurde seines Kommandos enthoben. Immerhin gelang es unter dem Schutz der
Kavallerie die Masse der russischen Truppen in zahlreichen, dicht nebeneinander marschierenden Kolonnen auf Wirballen
und nördlich davon der Grenze zuzuführen.
Die 1. Armee entkam schließlich mit der Masse der Truppen. Durcheinander gewürfelt und in der Kampfkraft erheblich
geschwächt, unter Zurücklassung großer Mengen an Geschützen und sonstigem technischen Gerät zog sie sich zur
Neuordnung, ohne vom Feind weiter bedrängt zu werden, bis hinter den Njemen zurück.
Das Oberkommando Nordwestfront hatte während dieser Vorgänge seine Absichten noch zweimal geändert. Der
Angriffsbefehl für die 10. und 2. Armee war am 9. September widerrufen worden, als die 10. Armee meldete, sie sei noch
nicht in der Lage anzugreifen. Da auch die 1. Armee zurückging, sollte die 10. nunmehr auf Augustow und Grajewo
zurückgehen, die 2. sollte stehen bleiben. Als dann bei General von Rennenkampf vorübergehend der Gedanke aufkam, mit
dem Südflügel doch wieder anzugreifen, wurde in der Nacht zum 11. September der 10. und 2. Armee von neuem der Befehl
zum Angriff gegeben, aber schon am 12. endgültig wieder in den Rückzugsbefehl umgewandelt, da auf die 1. Armee für
einen Angriff doch nicht mehr zu rechnen war. Diese einander rasch folgenden Gegenbefehle führten dazu, dass nichts
Einheitliches geschah.
Das XXII. Korps brach in der Nacht zum 10. September den Kampf gegen die deutsche 3. Reserve-Division ab, dann stieß
wieder das III. sibirische Korps gegen Lyck vor, ging aber am 13. wieder zurück. Die 2. Armee blieb zwei Tage untätig
an der Grenze stehen. Die deutsche Verfolgung ist nur insoweit gestört worden, als die 1. Kavallerie-Division
vorübergehend aus der entscheidenden Verfolgungsrichtung, von der Richtung auf Goldap in Richtung Lyck, abgezogen wurde.
Über die Schuld an der neuen Niederlage haben zwischen den höheren russischen Kommandobehörden scharfe
Meinungsverschiedenheiten bestanden. So enthob General von Rennenkampf seinen Generalstabschef, Generalmajor Mileant,
am 11. September seiner Stellung. Dieser General wurde daraufhin in das Hauptquartier der Heeresgruppe befohlen, die
dann die Abberufung des Generals von Rennenkampf bei der Obersten Heeresleitung beantragte. Diese aber ging darauf
nicht ein, sondern enthob schließlich den Oberbefehlshaber der Heeresgruppe Nordwestfront, General Shilinski , selbst
seiner Stellung und ersetzte ihn durch General Russki, den bisher siegreichen Führer der 3. Armee.
Der Oberbefehlshaber der russischen Streitkräfte, Großfürst Nikolai Nikolajewitsch drahtete an den Zaren: "Ich bekenne offen, dass ich nicht verstanden habe, die Ausführung meiner Anordnungen durchzusetzen, daher lege
ich mein schuldiges Haupt Euer Majestät zu Füßen"