Die Verfolgung, die am 10. September noch eingeleitet wurde, musste sich vor allem von Süden gegen die russischen Rückzugsstraßen richten. Diese liefen über
Goldap, über Gumbinnen und über Tilsit nach Osten. Die große Straße und zweigleisige Bahnlinie von Insterburg über
Gumbinnen auf Kowno war die wichtigste und leistungsfähigste Verbindung der russischen Njemen-Armee. Gelang es diese zu
sperren, dann wurden die Russen gegen den Njemen und über ihn auf Schaulen abgedrängt. Das Ziel der nächten Tage musste
somit sein, von Süden her die Straße Gumbinnen - Kowno zu erreichen. Gegen Mittag, als über den
Rückzug der Russen kein Zweifel mehr bestand, wurde diese Bewegung durch Einzelbefehle eingeleitet:
Das Kavallerie-Korps Brecht konnte seinen Auftrag zum Vorgehen auf Goldap zunächst noch behalten.
Die 3. Reserve-Division hatte von Lyck auf Marggrabova weiterzugehen.
Das I. Armeekorps sollte sich statt auf Benkheim, mehr nach Osten, gegen die Linie Goldap - Kleszowen wenden, das XVII.
erhielt die Richtung auf Darkehmen.
Diese Bewegungen konnten jedoch angesichts der vorgerückten Tageszeit am 10. September zum großen Teil nur noch
eingeleitet, aber nicht mehr durchgeführt werden.
Im Südosten Ostpreußens
kam die 3. Reserve-Division nach den Anstrengungen und Kämpfen der letzten Tage nur noch bis 6 km nördlich Lyck,
während sich die Spitzen der Landwehr-Division Goltz dieser Stadt von Süden näherten. Auch die 1.
Kavallerie-Division kam, nach ihrem weit nach Süden ausholendem Marsch zur Unterstützung der 3. Reserve-Division, nur
bis halbwegs Lyck-Marggrabowa.
Von der auf Goldap vorgehenden 8. Kavallerie-Division stieß die rechte Flügelkolonne, 38. Kavallerie-Brigade,
bei Kowahlen auf russischen Widerstand, den sie nicht brechen konnte. Die Gros der Division aber, die 23. (1.Königlich
sächsische) und die 40. (3.Königlich sächsische) Kavallerie-Brigade, unter dem Divisions-Kommandeur Generalmajor Graf
von der Schulenburg vertrieb den Feind südlich der Stadt Goldap, nahm die von russischem Tross angefüllte Stadt und
machte 600 Gefangene. Damit waren dem Eindringling die Rückzugsstraßen über Goldap nach Suwalki und Wischtynjez
verlegt.
Das I. Armeekorps(François)
welches den rechten, östlichen Teil des Umgehungsflügels bildete und dessen Marschrichtung auf Goldap wichtig gewesen
wäre, hatte seine Tagesleistung schon in einem Marsch in nördlicher Richtung erschöpft, als der neue Befehl kam. Seine
1. Infanterie-Division hatte bis zum Abend die Gegend von Benkheim und östlich erreicht. Die 2. Infanterie-Division
aber war nach Nordwesten gegen feindliche Truppen eingedreht worden, die dem XVII. Armeekorps noch Widerstand leistete.
Sie stieß der russischen 72. Infanterie-(Reserve)Division voll in die Flanke. Die Division des Generalleutnants von
Falk erbeutete 32 Geschütze und machte 500 Gefangene. Abends ging man nördlich von Kutten zur Ruhe über. Im ganzen
meldete General von François eine Beute von 50-60 Geschütze und mehrere Tausend Gefangene.
Das XVII. Armeekorps (Mackensen)
(linker Teil des Umgehungsflügels) war nach dem schweren Kampf des Vortages erst angetreten, als das I. mit ihm auf
etwa gleicher Höhe war. Es verfolgte nun westlich neben der 2. Infanterie-Division (I. Armeekorps) den weichenden Feind
nach Norden und schob sich bis zum Abend mit der 35. Infanterie-Division weit vor die Front. Die 36.
Infanterie-Division erreichte die Gegend nördlich Buddern und damit den Anschluss an das nördlich der Masurischen Seen
vorgehende XX. Armeekorps.
Inzwischen waren seit dem Mittag des 10. September auch nördlich der Masurischen Seenkette alle Kräfte zur weiteren
Verfolgung angesetzt worden.
Das XX. Armeekorps (Scholtz)
Vor der Front dieses Korps hatte der Gegner zur Deckung seines Abzugs länder standgehalten als bei Gerdauen. Um 11:00
Uhr hatte General Friedrich von Scholtz für sein Korps den Befehl zum planmäßigen Angriff gegeben, aber schon bald
darauf zog der Gegner auch hier ab. So traf man nur noch auf Nachhuten, die am Mauer-See und am Nordenburger See bis
gegen 16:00 Uhr standhielten, dann aber von der deutschen Infanterie unter schweren Verlusten geworfen wurden. Die 41.
Infanterie-Division kam am Abend bis vor den Ort Dombrowken, 12 km südwestlich Darkehmen an der Angerapp. der Ort
selbst blieb in russischer Hand.
Die 37. Infanterie-Division hatte links dahinter schon an der Straße Angerburg-Nordenburg halt gemacht. Sie hatte
keinen Feind vor sich.
Das XI. Armeekorps (Plüskow)
Links neben dem XX. Armeekorps führte General von Plüskow das XI. Armeekorps fast ohne Kampf vor. Abends aber stießen
am Flüsschen Ilme die 38. und am Skardap-Fluss die 22. Infanteriedivision auf Widerstand, den sie nicht mehr zu brechen
vermochten.
Das I. Reserve-Korps und das
Garde-Reservekorps (Below und Gallwitz)
fanden bei der Verfolgung keinerlei Widerstand mehr. Das I. Reservekorps erreichte bis zum Abend des 10. September
hinter der Interburger Bahn den Ilme-Abschnitt.
Das südlich des Forstes Astrawitschen angesetzte Garde-Reservekorps fand seinen Vormarschraum östlich Muldszen schon
durch Truppen des I. Reservekorps belegt. Es blieb daher bei Muldszen und westlich. General der Artillerie von Gallwitz
hatte den Eindruck, dass die Russen in geordnetem Rückzug die Stellungen geräumt haben. Er rechnete aber damit, dass
der Gegner zusammen mit den bei Insterburg stehenden Reserven den Kampf wieder aufnimmt. Auf dem Nordflügel des Korps
war das Vorgehen der Hauptreserve Posen aus Mangel an Brückenbaugerät an der Alle zum Stehen gekommen. Aus dem gleichen
Grund hatte auch die weiter nördlich stehende Hauptreserve Königsberg die Deime bisher nicht überschreiten können.
Beim Oberkommando
der 8. Armee stand man am 10. September abends unter dem Eindruck, dass der Gegner in vollem Rückzug nach Osten und
Nordosten sei. Es gab Planungen, von Königsberg und der Stadt Memel aus über das Kurische Haff flussaufwärts im Rücken
der Russen an die Brücken von Tilsit heran zu kommen, um den russischen Verbänden ihre nördlichste Rückzugslinie zu
sperren.
An die Oberste Heeresleitung wurde gemeldet, es scheine fraglich, ob Rennenkampf noch entscheidend geschlagen werden
könne. Bis jetzt seien 60 - 70 Geschütze und einige Tausend Gefangene eingebracht. "Die Verfolgung
wird morgen sehr energisch fortgesetzt und wir hoffen, die Siegesbeute noch erheblich zu vergrößern." Dem
entsprechend gab Generaloberst von Hindenburg für den 11. September weitgesteckte Verfolgungsziele. Um 05:00 Uhr
morgens sollten die Korps aufbrechen und im Laufe des Tages die Linie Filipowo-Gumbinnen-Gegend nördlich Insterburg
erreichen:
Das Kavallerie-Korps Brecht (1. und 8. Kavallerie-Division) nunmehr dem Armee-Oberkommando unmittelbar
unterstellt, wurde östlich der Romintschen Heide, in der Richtung auf Mariampol-Wilkowischki, tief in den Rücken des
Feindes angesetzt.
Die 3. Reserve-Division sollte zum Schutz der Flanke Filipowo erreichen. In der Mitte wollte Hindenburg fünf
Korps nebeneinander gegen die 50 km breite Linie Mehlkehmen (I. Armeekorps) - Tollmingkehmen (XVII.) - Walterkehmen
(XX.) - Gumbinnen (XI.) - Dwarischken östlich Insterburg (I. Reservekorps) vorführen.
Auf dem Nordflügel hatte das Garde-Reservekorps, dem jetzt die ganze Hauptreserve Königsberg unterstellt wurde, nicht
mehr südlich des Forstes Astrawischken, sondern nördlich des Pregel vorzugehen.
Diese weitreichenden Anordnungen zur Verfolgung der Armee Rennenkampf kamen jedoch am 11. September nur teilweise
zur Ausführung.
Vom Kavalleriekorps Brecht gewann die 1. Kavallerie-Division, deren Führung Gen.Lt. Brecht selbst beibehalten
hatte, 24 km Raum nordwärts und erreichte Filipowo, ohne nennenswerte Behinderung durch russische Einheiten. Die 8.
Kavallerie-Division unter Gen.Mj. Graf von der Schulenburg war in Goldap um 02:00 Uhr in der Nacht von russischen
Truppen aus nördlicher Richtung angegriffen worden. Bei deren Abwehr am Goldap-Fluss durch das Sächsische
Garde-Reiterregiment fand dessen Kommandeur, Major Graf zur Lippe, den Tod. Der Kavallerie gelang es, die Stadt Goldap
zu halten. Als die Spitzen des deutschen I. Armeekorps, die 1. Infanterie-Division, von Süden in Goldap einrückte,
zogen sich die Russen zurück. Nach dem nächtlichen Kampf konnte die Kavallerie-Division ihren Vormarsch erst gegen
Mittag wieder fortsetzen. Durch russische Nachhuten noch mehrfach aufgehalten, erreichte sie abends Dubeninken, 12 km
nördlich Filipowo. Damit war die Kavallerie wieder vereinigt, stand aber südlich der Romintschen Heide, nicht östlich
wie befohlen.
Die 3. Reserve-Division war ohne Kampf bis Marggrabowa gelangt.
Die fünf Korps der Mitte hatten wie befohlen am frühen Morgen des 11. September die Verfolgung in nordöstlicher
Richtung aufgenommen. Bis Mittag gelangte das I. Armeekorps, in zwei Kolonnen marschierend, ohne Kampf nach Goldap, wo
eine Rast eingelegt wurde.
Vom XVII. Armeekorps traf die westliche, 36. Infanterie-Division nördlich des Skallischer Forstes auf starken Feind.
General von Mackensen versuchte wenigstens seine rechte, 35. Infanterie-Division ostwärts, in der Vorfolgungsrichtung
weiterzuführen. Da sich aber der Gegner ebenfalls immer weiter in dieser Richtung bis südöstlich Kleszowen ausdehnte
und sogar selbst zum Angriff überging, wurde nach und nach auch die 35. Infanterie-Division ganz gegen ihn eingesetzt.
Das XX. Armeekorps (General von Scholtz) stieß ebenfalls bald auf stärkenen Widerstand. Mit Blick auf die Gesamtlage
versuchte der Kommandeur der rechten, 41. Infanterie-Division, Gen.Mj. Sontag, mit Teilen dem XVII. Armeekorps bei
Szabienen zu helfen, um dadurch auch seinen Truppen den Weg nach Osten frei zu machen. Schließlich wurden aber alle
Kräfte des XX. Armeekorps durch den nördlich Dombrowken zäh haltenden Feind angezogen.
Das XI. Armeekorps hatte schon beim Antreten zum Vormarsch auf seiner ganzen Front Widerstand gefunden. Besonders
vor der nördlichen, 22. Infanterie-Division. Beim Generalkommando hatte man Nachrichten, dass der Feind hier angreife.
Die Vermutung lag nahe, dass es sich nicht mehr um russische Nachuten, sondern um neu herangeführte Truppen handele. Um
die 22. Infanteriedivision zu entlasten, hatte General von Plüskow schon um 06:30 Uhr die auf Jablonken vorgehende
rechte Flügeldivision des I. Reservekorps aufgefordert, von dort nach Südosten abzuschwenken.
Dem Armee-Oberkommando ließ er um 08:50 Uhr vormittags melden: "XI. Armeekorps steht im Kampf am
Ilme- und Skardap-Abschnitt seit vier Stunden. I. Reservekorps ist aufgefordert in Kampf einzugreifen. Eine feindliche
Kolonne im Vormarsch von Insterburg in südöstlicher ....." Damit bricht die per Fernsprecher übermittelte
Meldung ab. Beim Armee-Oberkommando gewinnt man den Eindruck, das XI. Armeekorps sei von überlegenen Truppen
angegriffen. Da die Armee Rennenkampf noch nicht geschlagen war und bedeutende Teile von ihr noch gar nicht in den
Kampf eingegriffen hatten, war ein erneutes Standhalten, wenn nicht sogar ein Gegenstoß in südwestlicher Richtung
durchaus möglich. Dies würde auch einen hinter dieser Front nach Süden oder Südosten gegen die deutsche Umklammerung
geführten Angriff unterstützen. Diese Auffassung veranlasste das Armee-Oberkommando zu dem Entschluss, die überholende
Verfolgung anzuhalten und mit allem gegen den um Darkehmen angenommenen Gegner einzuschwenken. Bereits 20 Minuten nach
diesem Ferngespräch mit dem XI. Armeekorps ergingen neue Befehle an die Korps. Das I. sollte auf Gawaiten nördlich
Goldap, das XVII. auf Darkehmen eindrehen, das XX. in den Kampf des XI. eingreifen.
Als dann aber kurz darauf, um 09:45 Uhr, ein Funkspruch des I. Armeekorps an die ihm unterstellte 1.Kavallerie-Brigade
mitgehört wurde, der Feind sei überall im Rückzug, die 1.Kavallerie-Brigade solle noch heute Stallupönen besetzen, da
gab es beim Armee-Oberkommando doch wieder Bedenken, die wirksame Verfolgungsrichtung des I.Armeekorps aufzugeben.
Vielleicht kam man in dem nach Norden gerichteten Kampf auch ohne dieses Korps aus. Der Befehl an das I.Armeekorps
wurde daher abgeändert. Es sollte ihm überlassen bleiben, von Goldap nach Nordosten auf Tollmingkehmen oder auf
Gawaiten weiterzugehen.
General von François erhielt während einer Rast in Goldap um 13:00 Uhr i den ersten
Befehl zum Abbiegen auf Gawaiten. Er konnte sich jedoch nicht entschließen, diesem sofort Folge zu leisten. Er wartete
noch ab und ließ schließlich seine 1.Infanterie-Division auf Tollmingkehmen weiter gehen. Da das benachbarte XVII.
Armeekorps in ernste Kämpfe verwickelt war, ließ er die 2.Infanterie-Division auf Gawaiten marschieren. Die 1.Division
erreichte mit den vorderen Teilen ohne Kampf um Mitternacht Tollmingkehmen, die 2. stieß südlich Gawaiten auf einen zur
Abwehr bereit stehenden Feind. Ihre Artillerie nahm noch am Abend das Feuer gegen ihn auf. Den Angriff durch die
Infanterie verschob der Kommandeur, Generalleutnant von Falk, auf den nächsten Morgen.
Beim XVII. Armeekorps waren bei Eingang des Befehls zum Abbiegen ohnehin schon alle Teile in nördlicher Richtung
eingeschwenkt. Die 35. Infanterie-Division kam im Angriff abends bis Kleszowen, vor der 36. aber blieb der Widerstand
des östlich und nördlich Szabienen eingegrabenen Feindes bis zum Dunkelwerden so stark, dass General von Mackensen den
Angriff erst am nächsten Morgen fortsetzen wollte.
Inzwischen war aber der Gegner vor dem XX. Armeekorps seit 16:00 Uhr im Rückzug auf Darkehmen. Nach zweistündiger Rast
folgte ihm das XX. Armeekorps und erreichte abends in 10 km Breite das Westufer der Angerapp bei Darkehmen und südlich.
Die Truppen des XX. Armeekorps standen somit im Rücken der russischen Verbände, gegen die das XVII. Armeekorps bis zum
Abend kämpfte.
Auch vor dem XI. Armeekorps hatte der Gegner den Widerstand nach und nach aufgegeben. Während die südliche, 38.
Infanterie-Division unter Generalleutnant Wagner westlich Trempen gegen dauernden Widerstand nur langsam vorwäts kam,
konnte die 22. Infanterie-Division unter Generalmajor Dieffenbach nachmittags ohne großen Widerstand weiter gegen die
Angerapp vorgehen. Sie kam bis 2 km westlich des Angerapp-Überganges von Nemmersdorf, das sie um Mitternacht erreichte.
Die 38. Division, ohne Verbindung zum Korps, hatte um 17:00 Uhr westlich Trempen angehalten und war dadurch 15 km
hinter der Nachbardivision zurück geblieben.
Vor dem I. Reservekorps leistete der Gegner, anders als vor den südlichen Korps, so gut wie keinen Widerstand mehr.
Nach der ersten Kanonenschüssen räumten seine Nachuten das Feld. Auch das Eindrehen zur Unterstützung des XI.
Armeekorps erübrigte sich. So konnte General von Below die Verfolgung in Richtung Insterburg fast ohne Verzögerung
durch den Feind fortsetzen.
Es gab Gerüchte, der gegnerische Armeeführer General von Rennenkampf und der Oberbefehlshaber der russischen
Streitkräfte, Großfürst Nikolai Nikolajewitsch (genannt Niki) sollten sich dort aufhalten. Das beflügelte natürlich die
Schritte der Reserve- und Landwehrmänner. Bis zum Abend erreichte die 1.Reserve-Division die Angerapp bei Judschen, die
36.Reserve-Division unmittelbar hinter den abziehenden Russen Insterburg. Ihre Vorhut ging noch 10 km über die Stadt
hinaus, während das zur Division gehörige aktive Infanterie-Regiment 54 auf dem äußersten linken Flügel angesichts der
russischen Nachhuten Angerapp und Inster durchwatete und noch 300 Gefangene machte.
Das Garde-Reservekorps musste zur Verfolgung eine Brücke über die Pregel schlagen. Sein gesamtes Brückenbaugerät war aber noch an der Omet und der Alle eingebaut und musste dort erst abgebaut und herangebracht werden. Dadurch trat hier eine Verzögerung ein von mehreren Stunden ein. Als man endlich übersetzen konnte fanden die deutschen Truppen nördlich des Pregel keinen Feind mehr vor und kamen bis auf halbem Wege Norkitten-Insterburg. Noch weiter nördlich folgte links zurück gestaffelt die Hauptreserve Posen, über Labiau war die Hauptreserve Königsberg vorgegangen.
Beim Armee-Oberkommando hatte man schon bald nach der alarmierenden Meldung des XI.Armeekorps keinen Zweifel
mehr darüber, dass der Gegner nur noch um den Rückzug kämpfe. Es war aber nicht möglich, das einmal angeordnete
Einschwenken des I. und XVII. Armeekorps noch Norden sofort wieder rückgängig zu machen. Auch wussten die
Kommandierenden Generale beider Korps ohnehin, dass die Verfolgung in nordwestlicher Richtung, sobald es die Lage
gestatte, wieder aufzunehmen sei. Da das XVII. Armeekorps schon durch den Feind in seiner Flanke fesgehalten war, hat
der Armeebefehl schließlich nur eine einzige Division, die 2.Infanterie-Division vom I. Armeekorps, wesentlich aus
ihrer Richtung abgelenkt.
Die 1. war, statt auf Mehlkehmen, 10 km westlicher nach Tollmingkehmen, dem ursprünglichen Ziel des XVII. Armekorps,
marschiert. Die deutschen Maßnahmen haben also kaum zu einer Verzögerung der Verfolgung geführt. Die Maßnahmen des
Gegners schon, der mit starken Kräften über Darkehmen nach Süden vorgegangen war, um die ihm drohende Gefahr
abzuwenden.
Am Abend des 11. September
standen die Truppen des deutschen I., XVII., XX. und XI. Armeekorps von
Tollmingkehmen über Gawaiten - Szabienen - Darkehmen bis Nemmersdorf um die südlich und östlich von Darkehmen
zusammengedrängte feindliche Masse. Währe diese für den Gegner missliche Lage dem deutschen Armee-Oberkommando bekannt
gewesen, so hätte man durch sofortigen Weitermarsch in der Nacht den Ring um einen großen Teil der russischen Truppen
schließen können. Aber auch die Generalkommandos, obwohl näher vor Ort, hatten kein genaues Bild dieser für die
Deutschen günstige Lage. Demnach entsprach die Verfolgung in nordöstlicher Richtung für den nächsten Tag der
angenommenen Lage.
Wenn der Feind dann wider Erwarten noch stand, musste ihn das I. Armeekorps überholen. Gleichzeitiger scharfer Druck in
der Front war aber notwendig, da die Verfolgung nicht unendlich weit fortgesetzt werden konnte. Die Verhältnisse auf
dem galizischen Kriegsschauplatz drängten zum Abschluss in Ostpreußen.
General Hindenburg befahl, die Verfolgung am 12. September mit Einsatz aller Kräfte
fortzusetzen. Spätestens um 04:00 Uhr morgens sollten die Truppen aufbrechen. Im Rücken des Feindes wurde dem
Kavalleriekorps die Richtung auf Schaki, zwischen der Bahnlinie nach Kowno und dem Fluss Njemen zugewiesen.
"Hauptsache ist, die großen Straßen über Wirballen und Schirwindt zu gewinnen, um dem Gegner den Weg
zu verlegen. Wirkung gegen feindliche Truppen geht jetzt der gegen Tains vor."
Die 3. Reservedivision sollte die russische Grenze überschreiten und Suwalki besetzen. Die in der Front angesetzten
fünf Korps hatten mit der Mitte (XX. Korps) auf Stallupönen weiter zu verfolgen. Das Garde-Reservekorps am linken
Flügel hatte die Richtung auf Tilsit erhalten.
12. September
Auch an diesem Tag (12. September) gelang es nicht, vor allem am rechten Flügel, die gesteckten Ziele zu erreichen. Vom
Kavalleriekorps führte Generalleutnant Brecht die 1. Kavallerie-Division (ohne 1. Brigade) nur bis Wischainy, östlich
der Romintschen Heide vor. Die 8. Kavallerie-Division wurde beim durchqueren dieses Waldgebietes mehrfach durch
russische Einheiten aufgehalten. Sie traf schließlich nordöstlich Wischtynjez auf erneuten Widerstand, den sie nicht
mehr brechen konnte. So war das Kavalleriekorps am Abend des 12. September einen vollen Tagesmarsch von der Straße bei
Wilkowischki entfernt. Auf die Russen hatte es aber bereits Wirkung erzielt. Nach russischen Aufzeichnungen sei die 8.
deutsche Kavallerie-Division "trotz der unmittelbaren Nähe von drei russischen
Kavallerie-Divisionen, aus der Romintschen Heide hervorgebrochen, wandte sich gegen unsere Kolonnen, die in chaotischer
Unordnung zurück gingen, drängte sie zusammen und verbreitete Panik" (Zichowitsch, S. 117)
Die 3. Reserve-Division nahm, zusammen mit der 1. Kavallerie-Brigade, Suwalki nach kurzem Gefecht.
Dem I. Armeekorps war für diesen Tag die Richtung Pillupönen auf Wilkowischki befohlen. General von François, zu dem vom Armee-Hauptquartier aus nur Funkverbindung bestand, sah die
Lage anders an als das Oberkommando (wieder einmal). Er meldete, sein Korps sei nicht in der Lage den erhaltenen Befehl
auszuführen, da es auf den schlechten Wegen nicht mehr vorwärts komme.
François hatte im Laufe des 11. September aber auch den Eindruck gewonnen, dass es nötig sei, zunächst den Gegner, der
vor seiner 2. Infanterie-Division und dem XVII. Armeekorps stand, zu bekämpfen. Er wollte daher nur die 1.
Infanterie-Division gegen die russische Rückzugsstraße, und zwar weiter westlich als befohlen, auf Stallupönen
ansetzen, während die 2. Infanterie-Division zunächst den Feind bei Gawaiten werfen sollte.
Das Armee-Oberkommando war mit diesen Absichten nicht einverstanden. Sie waren mit seiner Auffassung von der Lage und
den danach für die anderen Korps getroffenen Anordnungen unvereinbar. Generaloberst von Hindenburg bestand auf der
Durchführung des Armeebefehls. So schlug das I. Armeekorps am 12. September, wenn auch erheblich später als befohlen,
die ihm zugewiesene Richtung nach Nordosten ein. Die 2. Infanterie-Division erst um 09:00 Uhr, nachdem sie vorher schon
den Angriff gegen den Feind bei Gawaiten eingeleitet hatte. Inzwischen aber drängten sich die Russen in die zwischen
der 1. und 2. Infanterie-Division entstandene Lücke, besetzten Tollmingkehmen und hielten es bis zum Abend. Teile von
ihnen schlugen sich hier nach Osten durch, während andere gleichzeitig nördlich Pillupönen, von der Artillerie der 1.
Division beschossen, über die Grenze entkamen.
Am Abend lag vom I. Armeekorps nur die halbe 1. Infanterie-Division bei Pillupönen, während die andere Hälfte der
Division mit entgegengesetzter Front noch nach Tollmingkehmen stand. Die 2. Infanterie-Division aber hatte General von
François nachmittags südlich dieses Ortes nach Osten, auf Wischtynjez vorgeschoben.
Beim XVII. Armeekorps hatte der Gegner schon im Laufe der Nacht den Rüchzug nach Osten angetreten. Die Artillerie der 35. Infanterie-Division hatte ihn im Morgengrauen des 12. September bei Kleszowen noch beschossen. Das Korps setzte sich aber nach den seit dem 8. September ununterbrochen andauernden Kämpfen statt um 04:00 Uhr erst um 08:00 Uhr in Bewegung. Unter Gefechten gegen feindliche Nachhuten kam die 35. Infanterie-Division nach 24 km Marsch abends bis vor Tollmingkehmen, das dann vom Infanterie-Regiment 141 im Sturm genommen wurde. 3000 Gefangene und 8 Geschütze wurden im Laufe des Tages bei der Division eingebracht. Die 36. Infanterie-Division kam unter ähnlichen Verhältnissen bis südlich Walterkehmen.
Das XX. Armeekorps fand ebenfalls keinen Widerstand mehr und gelangte spät in der Nacht bis über Walterkehmen, wo 1000 Gefangene gemacht wurden, und Trakehnen hinaus.
Das XI. Armeekorps hatte sich mit seiner vorderen Division dicht an den Feind herangehalten und daher mehr zu kämpfen. Dabei fiel der Kommandeur des 2. Thüringischen Infanterie-Regiments Nr. 32, Oberstleutnant Fischer. Mittags wurde Gumbinnen und abends, mit der 22. Infanterie-Division am Anfang, die Gegend nördlich Trakehnen erreicht.
Das I. Reservekorps, das auf Pillkallen angesetzt war, holte den Gegner nachmittags nördlich Kattenau und östlich Mallwischken ein. Die russische Nachut hielt hier bis in die Nacht hinein ihre Stellungen und ermöglichte so den Rückzug ihres Gros.
Das Garde-Reservekorps fand nirgends mehr Feind vor sich. General von Gallwitz erbat daher vormiittags neue
Weisungen. Das Armee-Oberkommando befahl die Einstellung der Verfolgung auf diesem Flügel. Nur die
Hauptreserve Königsberg wurde im Vormarsch auf Tilsit belassen. Sie besetzte die Stadt abends ohne Kampf.
Gleichzeitig näherte sich vom Norden her die vom Gouvernement der Festung (Gen.Lt. von Pappritz) über das Haff
entsandte Abteilung. Die geplante frühzeitige Zerstörung der russischen Memelbrücken war nicht gelungen, da eine
Mitwirkung der Flotte nicht zustande kam. Trotzdem konnte bei Tilsit noch am nächsten Tag das russische
Infanterie-Regiment 270 (68. Reserve-Division) mit einer Artillerie-Abteilung und mehrere Kompanien der Grenzwache
ausgehoben werden. Der Rückzugsbefehl hatte sie nicht erreicht. Die zumeist aus Landsturm bestehende Hauptreserve Königsberg konnte so 4000 russische Soldaten gefangen
nehmen und 12 Geschütze erbeuten.
13. September
Generaloberst von Hindenburg hatte sein Hauptquartier am 12. September von Nordenburg nach Insterburg verlegt, das seit
dem 11. wieder in deutscher Hand war. In den erst vor Stunden von General Rennenkampf und seinem Stab verlassenen
Räumen im Hotel Dessauer Hof
bezog man Quartier. Der Geruch von russischem Tabakrauch war noch überall in den Zimmern. Im Generalstab der 8. Armee
war man sich klar, dass die Masse der russischen 1.Armee, wie erwartet, über Gumbinnen auf Wilna und auf den Wegen
dicht südlich und nördlich dieses großen Straßenzuges zurückging. Sie war auf engem Raum zusammen gedrängt. Es musste
Unordnung und Verwirrung herrschen. Meldungen bestätigten diese Auffassung. Nachdem aber die Vorwärtsbewegung des
deutschen rechten Flügels und der Kavallerie hinter den Erwartungen des Oberkommandos zurück geblieben war, bestand
jetzt kaum noch Aussicht, wesentliche Teile der Armee Rennenkampf abzufangen. Der russische Armeeführer wusste, dass
das Erreichen der großen Chaussee Wirballen - Wylkowyszki durch den deutschen rechten Flügel für einen großen Teil
seiner haltlos gewordenen Kolonnen die Vernichtung bedeutet hätte. Er wirft deshalb den ermatteten deutschen Truppen
südlich der Straße alles entgegen, was er an kampffähigen Verbänden noch zur Hand hat.
Auf deutscher Seite musste alles getan werden, die Armee Rennenkampf für möglichst lange Zeit kampfunfähig zu machen.
Man musste sich Rückenfreiheit schaffen, um starke Kräfte nach Süden zur Unterstützung der Österreichisch-Ungarischen
Armeen an der galizische Front frei zu bekommen. Hierzu musste die Verfolgung auch noch am nächten Tag, dem 13.
September, unter äußerster Anspannung der Kräfte fortgesetzt werden. Gleichzeitig bedurfte es einer Neugliederung der
gesamten deutschen Oststreitkräfte. Neben dem Abgang an die österreich-ungarische Front musste auch der Schutz
Ostpreußens gewähleistet bleiben. So wurden schon jetzt Truppen aus der Front gezogen, darunter das Garde-Reservekorps
(General von Gallwitz), das nördlich des Pregel keinen Feind mehr angetroffen hatte.
Dem Kavalleriekorps wurde nochmals die Richtung auf Marjampol-Schaki befohlen, es sollte die Verfolgung erst am Njemen
einstellen.
Das I. Armeekorps sollte auf Pilwischki vorgehen und in diesem Raum auch später bleiben.
Das XVII. und XX. Armeekorps hatten die Verfolgung nur noch mit Vorhuten fortzusetzen, das XI. von Stallupönen auf
Schirwindt, das I. Reservekorps auf Schaki weiter vorzugehen.
Aber auch am 13. September kam das Kavalleriekorps nicht in der erwünschten Weise vorwärts. Es hatte Regen eingesetzt.
Aufgeweichter Lehmboden und sich heftig zur Wehr setzende russische Nachhuten verzögerten die Bewegungen. 12 km südlich
Wilkowischki blieben schließlich beide Kavallerie-Divisionen abends stehen. Links neben der Kavallerie erreichte das I.
Armeekorps die Gegend südlich Wirballen. Seine nördliche, 1. Infanterie-Division vermochte die hier auf der großen
Straße in zwei und drei Marschkolonnen nebeneinander abziehenden Russen noch unter wirksames Feuer zu nehmen, während
die Spitzen des XI. Armeekorps ihnen von Stallupönen her nachdrängten. Dort waren im Häuserkampf 2000 Gefangene gemacht
worden. Abends standen die vordersten Truppen des XI. Armeekorps vor Wirballen und nördlich.
Das I. Reservekorps hatte ohne Kampf die Gegend nordöstlich Pillkallen erreicht. Für das XVII. und XX. Armeekorps war
in der vorderen Linie kein Raum mehr geblieben.
14. September
Auch noch an diesem Tag wurde die Verfolgung eine kurze Strecke fortgesetzt. Das Kavalleriekorps, zu dessen Führung
inzwischen der Bayerische Höhere Kavallerie-Kommandeur Nr. 3, General der Kavallerie Ritter von Frommel eingetroffen
war, erreichte im Kampf gegen russische Nachhuten die große Straße zwischen Marjampol und Wilkowischki. Die 8.
Kavallerie-Division (Gen.Mj. Graf von der Schulenburg) machte dabei 400 Gefangene und erbeutete 4 Geschütze. Das I.
Armeekorps kam kämpfend bis Wilkowischki und östlich, das XI. bis Schirwindt, das I. Reservekorps bis Schki und südlich
Jurburg. Ein Versuch, am Njemen etwas zurück gebliebene russische Abteilungen abzufangen, hatte keinen Erfolg. Mit dem
Abend des 14. September fand die Verfolgung im wesentlichen ihren Abschluss. Nur einzelne Teile der 8. Armee stießen
noch weiter vor. Das I. Armeekorps (General von François) besetzte am 16. September Marjampol.