Generaloberst von
Prittwitz
und Generalmajor von Waldersee wollten sich zunächst gegen die russische Armee wenden, die zuerst in Reichweite kam. War das die 2.(Narew)Armee, dann konnte man sie angreifen, ohne daß dabei die eigenen rückwärtigen Verbindungen gefährdet wurden. Ein solcher Angriff, der etwa in Richtung gegen den Narew erfolgen würde, entsprach den Wünschen der österreichischen Verbündeten und deckte am wirksamsten auch die Wege nach Posen.
Kam der Gegner hier aber nicht, so lief man Gefahr ins Leere zu stoßen. Inzwischen konnte die russische 1.(Njemen)Armee den deutschen Kräften in den Rücken kommen.
Daher mußte man sich gegen die Njemen-Armee wenden, falls diese zuerst auftrat, während die Narew-Armee sich noch zurückhielt. Daß dieser Fall eintreten wird, hielt man beim Oberkommando der 8. Armee für wahrscheinlich. Beide Bedingungen mußten zutreffen, um nicht in die von Graf Schlieffen 1898 geschilderte Lage zu kommen, der zufolge man hinter die Weichsel zurückgehen müßte. Die Njemen-Armee unter
Rennenkampf
mußte also rasch und vollständig besiegt werden, bevor die aus Süden anrückende Narew-Armee unter
Samsonow
ins Geschehen eingreifen konnte.
Der Chef des Stabes der 8. Armee, Generalmajor Graf von Waldersee, meldete an die Oberste Heeresleitung das vorsichtige Verhalten der russischen Kavallerie gegen die ostpreußische Südgrenze sowie Eisenbahn- und Brückenzerstörungen des Gegeners vor dessen linken Flügel. Dies lasse ein Vorgehen der 2. russischen Armee vom Narew her vorerst unwahrscheinlich erscheinen. Er erwarte dagegen ein Vorgehen der hinter der Linie Suwalki - Wirballen angenommenen 1.(Njemen) Armee. (Manchmal auch Wilna-Armee genannt) Der Oberbefehlshaber wolle daher seine Armee bereitstellen, um "bei dem Anmarsch der Wilna-Armee, unter Ausnutzung des Seen-Geländes aus der Gegend der Angerapp nördlich Angerburg einen Schlag zu führen", und sich später, nachdem dieser Feind abgeschüttelt sei, je nach Umständen gegen Süden wenden.
Dem entsprechend verschob das Oberkommando in den nächsten Tagen die
3. Reserve-Division
und die 6. Landwehrbrigade aus der Gegend südlich Bromberg nach den Masurischen Seen in das befestigte Lötzen, wo sie am 12. und 13. August eintrafen. Die Festung Lötzen, deren Anlagen durch Feldbefestigungen erst erweitert werden mußten, sowie die 6. Landwehrbrigade wurden dem Befehl des Kommandeurs der 3. Reserve-Division,
Generalleutnant von Morgen
unterstellt. Im Anschluss an die Seen nach Norden hatte das 1. Reservekorps die Angerapp-Stellung auszubauen.
So blieben die deutschen Kräfte östlich der Weichsel wie folgt verteilt:
Mir der Front nach Süden:
Die 70.Landwehrbrigade
XVII. und XX.Armeekorps.
Im Seengebiet bei Lötzen:
3.Reservedivision
6.Landwehrbrigade.
Mit der Front nach Osten:
I.Reservekorps
I.Armeekorps
1.Kavalleriedivision
2.Landwehrbrigade
Der 17. August hatte beim Oberkommando der deutschen 8. Armee Klarheit über die Frontausdehnung der Russischen Njemen-Armee gebracht. Die Versammlung der 8. Armee war, wie am 14. August befohlen, durchgeführt worden. Das XVII. Armeekorps wurde vom südlichen Grenzabschnitt bei Neidenburg nach Nordosten, hinter die Angerapp, südlich Insterburg verlegt. Hier fehlten noch Truppenteile, deren Ablösung sich aus dem südlichen Grenzschutz verzögert hatte. Sie trafen erst am Abend des 18. ein.
Das I.AK befand sich nun endlich etwa in dem Raum, der ihm ürsprünglich angewiesen wurde. Die Voraussetzungen aber, unter denen die Armee hinter die Angerapp befohlen wurde, trafen jetzt nicht mehr zu. Generaloberst von Prittwitz hatte angenommen, daß der feindliche Nordflügel nur bis zur Romintschen Heide reichte und der Gegener am 14. August die Grenze überschreiten würde. Darauf hatte man die Absicht gegründet, den russischen Nordflügel aus der Gegend von Gumbinnen - Insterburg zu umfassen. Nun aber reichte dieser feindliche Flügel bis über Schirwindt hinaus und der Gegener hatte erst am 17. August den Vormarsch angetreten. Durch die Eigenmächtigkeit des Generals
Hermann von François
(I.Armeekorps) war dieser Vormarsch weiter verzögert worden.
(Näheres hierzu auf der nächsten Seite)
Die Lage hatte sich räumlich und zeitlich ganz anders entwickelt als das Armee-Oberkommando am 14. angenommen hatte. Es war fraglich geworden, ob die Umfassung des russischen Nordflügels noch gelingen könne und ob die Zeit reichen würde, die Entscheidung gegen die 1. (Njemen) Armee herbeizuführen, bevor der Vormarsch der 2. (Narew) Armee aus Richtung Süden sie unmöglich machte. Schnelles Handeln war geboten.
Lage am 19. August 1914, nachmittags
Gegen die Südgrenze Ostpreußens nahm der Aufmarsch der 2. russischen Armee (Narew-Armee) seinen Fortgang. Von Ostrolenka und Lomsha schienen die vorderen Teile im weiteren Vormarsch mit Hauptrichtung auf Ortelsburg. Eine unmittelbare Bedrohung schien aber noch nicht gegeben.
Das russische II. Armeekorps hatte die Gegend um Lyck erreicht.
Bei Marggrabowa und in der Romintschen Heide war kein Feind erkannt worden, dagegen hatten die Flieger im Raum südlich und östlich Goldap ca. 2 Divisionen Infanterie gemeldet, die sich gegen Darkehmen zu wenden schienen. Bei Wischtynjez wurde starke Kavallerie festgestellt.
Daraus gewann das Oberkommando der 8. Armee den Eindruck, daß man es bei Gumbinnen mit einer starken, von der übrigen Armee abgetrennten Gruppe zu tun hatte, während andere Kräfte südlich der Romintschen Heide noch weiter zurück seien. In dieser Lage gaben die Meldungen vom I. Armeekorps den Ausschlag. Man konnte François nicht abermals alleine gegen den Feind stehen lassen.
Entschluß zun Angriff
So entschloß sich Generaloberst von Prittwitz, jetzt mit den übrigen Korps anzutreten. Dieser, der Anregung des Generals von François zu verdankende Entschluß entsprach um so mehr der Lage, als die Russen auch am 20. August noch nicht an der Angerapp erschienen wären, sondern frühestens am 21. Sie ließen sich Zeit und waren vorsichtig.
Wäre die deutsche 8. Armee noch länger stehen geblieben, um die Russen an die Angerapp anlaufen zu lassen, so wären unersetzbare Tage verloren gegangen und der Vormarsch der 2. russischen Armee aus dem Süden hätte sie zum Rückzug gezwungen, bevor sie zum Schlagen kam.
Taktik:
Generaloberst von Prittwitz wollte zunächst die nördliche Gruppe der russischen 1. Armee bei Gumbinnen angreifen, während er sich gegen den von Goldap erwateten Feind durch starke Staffelung nach rechts sicherte. Erst nachdem die Gumbinner Gruppe geschlagen war, wollte er sich gegen den Goldaper Feind wenden.
Hierzu befahl das Armee-Oberkommando dem
XVII. Armeekorps
unter General der Kavallerie
August von Mackensen
um 16:40 Uhr sofort den Vormarsch in zwei Kolonnen gegen die Linie Walterkehmen - Perkallen - Plicken anzutreten.
Nach Ansicht der Lage mußte dieser Vorstoß den Teil des Gegeners, der dem I. AK bei Augustupönen gegenüberstand, aus wirksamster Richtung treffen. Das XVII. AK erschien stark genug, um hier die Entscheidung zu bringen. Alle übrigen Kräfte wurden daher zum Schutz der Flanke dieses Armeekorps ausgeschieden:
Das I. Reservekorps (südlich des XVII.AK) sollte gegen den Feind bei Goldap decken, dessen Spitze nachmittags schon bei Kleszowen angenommen wurde.
Die 3. Reservedivision, (in Lötzen) sollte zunächst nur bis Kutten, 20 km nordöstlich Lötzen, vorrücken.
Auf die Mitwirkung der 6. Landwehrbrigade wurde verzichtet. Sie sollte weiterhin die nördlichen Seenengen sichern.
Am 19. August setzte die 1. russische Armee den Vormarsch auf der ganzen Front fort:
Das Kavalleriekorps wandte sich nordwestlich gegen Kraupischken, hinter ihm rückte die 1. selbständige Kavalleriebrigade von Schillehnen heran.
Vom XX. Korps (Gen.d.Inf. Smirnow) rückte mit der 28. Infanteriedivision nur ein kurzes Stück nach Westen und Südwesten vor, bis sie mit den Truppen der 1. deutschen Infanteriedivision (I.AK) in Berührung kam. Alle übrigen Teile der Armee rückten einen vollen Tagesmarsch westwärts.
Von diesen Kräften räumlich getrennt erreichte die Südgruppe der 1. russischen Armee:
Ein Regiment der 40. Infanteriedivision den Westrand der Romintschen Heide (Waldgebiet), die 30.ID und die 5. Schützenbrigade Goldap und Groß-Wronken, die 1. Kavalleriedivision Gollubien.
Das der 2. Armee unterstehende, gegen Lötzen durch schwere Artillerie verstärkte II.Armeekorps (Gen.d.Kav. Scheidemann) blieb am 19. August bei Lyk stehen.
Die Auffassung des deutschen Armeee-Oberkommandos, daß der Gegner durch die Romintsche Heide in 2 Gruppen getrennt sei, war im Grunde zutreffend, nur war die südliche Gruppe schwächer als zunächst angenommen.
Für den 20. August befahl General von Rennenkampf seiner Armee mit Rücksicht auf die Ermüdung der Truppen und die Regelung des Nachschubs nur so weit vorzurücken, als dies ohne ernsteren Kampf möglich sei.
Die Entscheidung über Ort und Zeit hing aber nicht mehr vom russischen Oberbefehlshaber ab. General von Prittwitz hatte die Initiative an sich gerissen. An der Front war es inzwischen schon zu Zusammenstößen gekommen.