Der deutsche Generalstab. erwartete, dass sich die Russen zuerst gegen das deutsche
Gebiet
östlich der Weichsel
wenden würden (die ganze Provinz Ostpreußen und etwa ein Drittel Westpreußens). Dieses Gebiet für
längere Zeit zu halten, schien nur unter besonders günstigen Umständen möglich. Es erstreckte sich von Thorn
bis nördlich Memel,
hinter einer fast 600 km
langen Grenze (länger als von Basel bis Calais), im Süden und Osten von russischem Staatsgebiet umfasst.
Mit dem Verlust dieser Gebiete mußten, neben seiner Bevölkerung, wichtige Hilfsqellen für die Kriegsführung und die Lebensmittelproduktion in Feindeshand kommen. Auch zur Entlastung des östereich-ungarischen Verbündeten weiter im Süden war es wichtig, diese Provinz so lange als irgend möglich zu halten. Und doch durfte man dabei in diesem ersten Abschnitt des Krieges im Osten die vorhandenen Kräfte nicht rücksichtslos aufs Spiel setzten. Man mußte versuchen, sie für die spätere Entscheidung zu erhalten. Die gegebenen Verhältnisse aber zwangen dazu, die Aufgabe trotzdem zu stellen und zu verlangen.
Das Operieren mit zahlenmäßig unterlegenen Kräften gegen aus zwei Richtungen angreifende russischen Armeen war im
Frieden oft Gegenstand von Übungen, Kriegsspielen und Generalsstabsreisen gewesen. Die Aufgabe war rein defensiv nicht
zu lösen. Der russischen Übermacht boten sich so weitgehende Möglichkeiten zur Überflügelung, daß sie jede Stellung
unhaltbar machen konnte. Nur in kühnem und raschem Angriff gegen einen Teil der feindlichen Übermacht war in dieser
Lage mit einem erfolgreichen Ausgang zu rechnen.
Dabei spielten die Masurischen Seen eine besondere Rolle. Sie trennten die von Süden und Osten anrückenden russischen
Armeen und boten dadurch dem Verteidiger Gelegenheit, sich einer Armee nach der anderen zuzuwenden.
Die Verteilung der russischen Streitkräfte schien den bisherigen Vermutungen des deutschen Generalstabes zu
entsprechen. Der größere Teil des Heeres marschierte gegen die österreichische Grenze östlich der Weichsel auf, das
westliche Polen schien von stärkeren Kräften geräumt. Gegen Ostpreußen erwartete man schon seit 1910 für den Fall eines
Krieges den Aufmarsch einer russischen Armee aus 5 Korps, 7½ Kavallerie-Divisionen und 1 Reserve-Division am Narev
(südlich der Masurischen Seen), einer weiteren Armee aus 4 Korps, 2½ Kavallerie-Divisionen und 1 Reserve-Division am
Njemen (nordöstlich) sowie schwächere Kräfte nördlich dieses Flusses.
Nach Berechnungen des deutschen Generalstabs konnten diese beiden Armeen etwa in dieser Stärke schon am russischen 16.
Mobilmachungstag (15. August) operationsbereit sein.